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Gegenstände (2022)

Gegenstände haben keinerlei Bedeutung. Das sieht man schon daran, dass das Fehlen einer Beziehung zu ihnen, das manche Menschen auszeichnet, sprachlich vom Menschen und nicht vom Gegenstand her beschrieben wird: Man spricht eben nicht, wie man es gerechterweise tun sollte, von "unververständlichen Bauanleitungen", "fehlkonstruiert-gefährlichen Haushaltsgeräten" oder "druckmangelbehafteten Ketchup-Flaschen", sondern von von "zehn Daumen" (im Englischen) oder "zwei linken Händen" (im Deutschen). Auch dieses Lied ist also völlig bedeutungslos und enthält deshalb weder Grimm von Seiten des lyrischen Ichs noch Anlass zu schadenfreudigen Empfindungen (bei der RezepTION). WIR BITTEN FÜR DAS OFFENTSICHTLICHE PROBLEM MIT DER FESTSTELLTASTE UM ENTSCHULDIGUNG!

Gegenstände

Woher bezieht der Künstler seine Schaffensenergie?

Der Mensch als solcher ist das Thema – das erschöpft sich nie.

Das Du, das Ich, das inspiriert und ist mal gut, mal schlecht.

Das andre Thema findet sich im Bürgerlichen Recht.

 

Gegenstände nach 90 BGB,

sind schlicht nicht mein Ding.

Und das ist der Grund, warum ich sonst, wenn ich hier steh‘

lieber Lieder über Menschen sing.

 

Spätnovember. Grauer Morgen-Nebel.             

Die Windschutzscheibe grob und hart vereist.

Kratzgeräusch! Das war der falsche Hebel,      

dass es die Scheibenwischerblätter jetzt zerreißt.

Heute Nacht klirrt auf Parkett das Wasserglas.

Dann hat der Radiowecker heute früh versagt.

In Tempostress hat sich dann bleich und blass  

meine Deorollerkugel verhakt.

Nach umgeknickter Kaffee-Filtertüte,              

Marmeladenkragen, Schnürsenkel-Riss

Dacht‘ ich noch: o lieber Gott, mach bitte,       

dass von diesen Tagen heute keiner ist!

 

Gegenstände nach 90 BGB,

sind schlicht nicht mein Ding.

Und das ist der Grund, warum ich sonst, wenn ich hier steh‘

lieber Lieder über Menschen sing.

 

Am Geldautomat erklingt der Handy-Klingel-Ton. 

Kein Empfang. Kurz raus, die Karte verschluckt.

Falsche PIN? Kann jetzt nicht sein! Wieso? 5 mal schon.

Ach so verwechselt. Und wer weiß jetzt die PUK?

Und wo war hier im Stoß von Papier                        

diese eine Unterlage? –  Nagelhäutchen-Riss.

Happy Birthday lieber Chef ohne Bier.                    

Kaffee, Kuchen: Pflaumenkern-Biss.

Inlay auf der Hand? Och nee. Ins Portemonnaie!    

Zahnarzt heut‘ noch da: Vielleicht rettet er es noch.

Beim Nottermin: nichts drin.                                    

Ach ja: Das Kleingeldfach hatte doch ein Loch.

 

Gegenstände nach 90 BGB,

sind schlicht nicht mein Ding.

Und das ist der Grund, warum ich sonst, wenn ich hier steh‘

lieber Lieder über Menschen sing.

 

Nach dem ersten Lockdown: Friseur.           

Machen Sie noch bitte schnell vor Ort  den Test.

Pipetten-Stäbchen-Röhrchen-Bürgersteig-Malheur,

wenn man mich sowas hier alleine machen lässt.

Bauanleitung. Schrank-Wand-Regal.                                   

Reihenfolge. Alles, wo es hingehört.

Beim vorletzten Schritt auf dann einmal                  

merk‘ ich: bisher alles seitenverkehrt.

In den Urlaub. Steckerleiste auf „Aus“.                   

Denn beim Strom müssen wir jetzt alle spar’n.

Bei der Rückkehr: Faule Düfte im Haus.                 

Die Tiefkühltruhe hing da ja auch dran.

 

Gegenstände nach 90 BGB,

sind schlicht nicht mein Ding.

Und das ist der Grund, warum ich sonst, wenn ich hier steh‘

lieber Lieder über Menschen sing.

 

Mit der Heckenschere ziehe ich die Kabeltrommel mit.

Und das Kabeltrommelkabel das erhält den ersten Schnitt.

Bohrmaschinen folgen bei mir einem Wasserleitungschema.

Und Tiefkühlerbsen sind für mich ein Heinzelmännchen-Prassel-Thema.

 

Und wer kennt noch Bandsalat?

 

Gegenstände nach 90 BGB,

sind schlicht nicht mein Ding.

Und das ist der Grund, warum ich sonst, wenn ich hier steh‘

lieber Lieder über Menschen sing.

 

Platon wusste schon: Nur Ideen sind real,

ganz konkrete Gegenstände bestenfalls banal.

Gegenstände könne Häme verbreiten.

Man kann an ihnen scheitern, man kann sich um sie streiten.

Und so leidet der Mensch nicht nur an der Endlichkeit,

sondern auch an der Zumutung der Gegenständlichkeit.

Gäb es keine Gegenstände, würd‘ das vieles lösen.

Wir wären ding-befreite geistige Wesen.

Frei für Lachen und Klagen, Gemeinschaft, Poesie,

für die großen Fragen nach Warum und Wie!

Und indem ich das denk, hab ich mein Hemd falsch geknöpft

und darüber ein weich gekochtes Tropf-Ei geköpft.

 

Gegenstände nach 90 BGB,

sind schlicht nicht mein Ding.

Und das ist der Grund, warum ich sonst, wenn ich hier steh‘

lieber Lieder über Menschen sing.

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© Markus Sauer Chansons